Hinter Glühweinschwaden

28.11.19

Oft habe ich mich gefragt, warum es mir in meiner – sehr langen! – Jugend so viel Freude bereitet hat, Schatullen auf dem Weihnachtsmarkt zu verkaufen. Obwohl das tagelange Stehen in der nassen Kälte anstrengend war. Obwohl ich für einen ganzen Monat meinen Wohnort wechseln musste. Obwohl ich wusste, dass die Umgebung, in der wir uns befanden, nur Kulisse war. Gesäumt von einem historischen Straßenzug, der nach der Zerstörung durch amerikanische Bombengeschwader originalgetreu wieder aufgebaut worden waren, lag der Markt im Innenhof eines Funktionsbaus, dessen braun gekachelte Wände verrieten, dass er in den 1970er entstanden sein musste – ungefähr zur selben Zeit also, als der Stadtrat beschloss, alljährlich im Dezember die Welt der industriellen Hochmoderne für ein paar Wochen hinter Glühweinschwaden verschwinden zu lassen. Die meisten Einwohner der Stadt hatten keine Ahnung vom unromantischen Anfang des Budenzaubers. Sie glaubten tatsächlich, ihr Weihnachtsmarkt setze eine Tradition fort, deren Ursprung sich wenn nicht im dunklen Mittelalter, so doch irgendwo im Schneetreiben einer biedermeierlichen Adventszeit verliere.

Natürlich reiste ich Jahr für Jahr in die Kälte dieser Scheinwelt, weil dort Geld zu verdienen war. Aber Freude bereitete es mir, weil die Kulissen die Wirklichkeit nicht nur verbargen, sondern auch ein Theater aus ihr machten. Man kann sich einen Marktstand wie eine kleine Bühne vorstellen, um die herum sich ein riesiger Zuschauerraum dreht. Während der Verkäufer auf ihr steht, um gesehen zu werden, sieht er zugleich die Besucher in endlosem Strom an sich vorüberziehen. Wenn aber einer von ihnen stehenbleibt, weil er Gefallen an den präsentierten Dingen gefunden hat, dann kann es passieren, dass dieser Betrachter selbst zum Spektakel wird. Die Ware muss es nur zulassen. Nichts gegen Gewürze, Glühwein oder Bienenwachskerzen, aber ich bezeifle, dass sie auf ähnliche Weise wie Schatullen dazu animieren können, den Kunden in einen Darsteller und den Verkäufer in einen Zuschauer zu verwandeln.

Offene Geheimnisse

Es ist schon viele Jahre her, da trat, kurz vor Weihnachten, an einem Wochentag frühabends, als der Markt sich schon zu leeren begann, ein Mann an meinen Stand. Er war zu alt, um ihn jung, und zu jung, um ihn alt zu nennen, etwas beleibt, mit leicht zerzaustem Haar, das eher eigensinnig als ungepflegt wirkte; vor allem aber war er zielstrebiger als gewöhnliche Passanten, die sich erst einmal klar darüber werden müssen, was sie da eigentlich sehen. Was er denn suche, fragte ich.

Eine Schatulle natürlich, sogar schon sehr lange, aber nun sei er offenbar endlich fündig geworden. Zu welchem Zweck denn? Statt mir zu antworten zeigte er auf ein Modell, das er, nachdem ich es ihm gereicht hatte, vor sich hinstellte, es öffnete, lange hineinsah und wieder verschloss. Das wiederholte er mit einer Reihe anderer Schatullen, wobei er sich jedes Mal Zeit ließ. Als erfahrener Marktverkäufer wusste ich, dass derart verhaltenssichere Interessenten sich von Verkaufsgesprächen eher belästigt fühlen. Also ließ ich ihn gewähren. Nach einer Weile hatte er die Auswahl auf drei Stücke reduziert, mit denen er nun nacheinander dieselbe Prozedur immer wieder aufs Neue wiederholte. Dabei nahm er sich noch mehr Zeit, um sie nun, wie es schien, im Detail zu prüfen. Nachdem er die jeweils vor ihm stehende Schatulle geöffnet hatte, sah er wieder eine Weile lang hinein, dann aber, und das hatte er zuvor nicht getan, blickte er in die Ferne, direkt an mir vorbei, als befänden sich hinter mir keine Werkbank und keine Wand mit Regalbrettern, auf denen weitere Schatullen standen, sondern die endlose Weite einer nur vom Horizont gesäumten Landschaft. Und während er in die imaginierte Ferne sah, steckte er seine Hände in die Schatulle und tat dort irgendetwas mit ihnen, was ich aber nur aus den Bewegungen der Unterarme schließen konnte, denn der Anblick der Hände war vom stehenden Schatullendeckel versperrt. Je länger er das tat, desto mehr hatte ich das Gefühl vertauschter Rollen. Statt dass der Kunde mir, dem Verkäufer, dabei zusah, wie ich ihm ein Ding präsentierte, sah ich ihm, dem Käufer, beim souveränen Ausprobieren dieses Dings zu und war davon, muss ich gestehen, zunehmend fasziniert.

Schließlich reichte er mir eine Schatulle und sagte, die sei es, ich möge sie ihm einpacken. Nach dem Preis fragte er nicht. Nachdem er bezahlt hatte und gehen wollte, überwand ich die Scheu, die dieser Kunde instinktiv in mir geweckt hatte, und bat ihn, noch einen Moment zu bleiben. Ob er mir verraten würde, was er denn in der Schatulle aufbewahren wolle, es scheine sich ja um einen sehr speziellen Zweck zu handeln. »Alles und nichts« antwortete er, griff nach seinem Portemonnaie und reichte mir eine Visitenkarte, die ihn als »Dr. Knut Knackstedt | Magier« auswies.

»Sie müssen wissen, ich bin Illusionist. Meine Kunst lebt davon, dass das Publikum eine Handlung auf der Bühne sieht und sie zugleich nicht sieht. Sie kennen das mit dem Zylinder, aber der hat leider mehrere Nachteile. Weil er erwartbar geworden ist, wird er vor allem als Emblem wahrgenommen, als Erkennungszeichen, so wie die rote Nase bei einem Clown. Auch kann ein Hut auf Dauer nichts verbergen, früher oder später müssen Sie etwas aus ihm hervorzaubern, sonst sind die Zuschauer enttäuscht. Vor allem aber stellt das Loch in der Mitte des Zylinders eine Symmetrie zwischen dem Magier und seinem Publikum her, die es so eigentlich nicht geben darf. Dagegen haben Schatullen den Vorzug, auch im offenen Zustand verschlossen zu bleiben, wenn Sie verstehen, was ich meine.»

Ich gestand, ihm nicht ganz folgen zu können.

»Nun, ich öffne die zu mir gewandte Schatulle, und was zeigt sich den Zuschauern? Der Deckel, hinter dem ich offenbar etwas sehe, das sie nicht sehen. Mit anderen Worten: Sie sehen, dass ich ein Geheimnis habe. Es wird nicht geleugnet, aber auch nicht gelüftet. Wenn der Zuschauer sich von dem, was ich dabei erzähle, verzaubern lässt, dann nimmt er mein Geheimnis mit nach Hause. Er fragt sich nicht: Wie hat er das nur gemacht? Sondern: Was hat er mir nur verborgen? Ein guter Magier betrügt sein Publikum nicht, er behauptet nichts, was tatsächlich gar nicht stattgefunden hat, im Gegenteil, er verrät seinen Zuschauern etwas – nämlich, dass es etwas zu verraten gäbe. Guten Abend.« Ich staunte, dankte für den Einkauf und erwiderte den Gruß, bevor Dr. Knackstedt auf Nimmerwiedersehen in der Dunkelheit verschwand.

Fake Original

Apropos Scheinwelt. An diesem Wochenende werde ich, Sie ahnten es bereits, mit meinen Schatullen wieder im Freilichtmuseum Hagen anzutreffen sein. Und wie in jedem Jahr freue ich mich darauf. Obwohl es wieder kalt wird. Obwohl eine lange Autofahrt damit verbunden ist. Obwohl auch dieser Markt von einer Kulisse lebt, die in den 197oer Jahren erbaut worden ist, um die graue Welt der Industriegesellschaft vergessen zu machen. Aber was für einer! In ganz Deutschland wurden damals Häuser, in denen einst Handwerker vor- und frühmoderne Waren produziert hatten, in ihre Einzelteile zerlegt und hier, in den Ausläufern des Bergischen Landes, wieder aufgebaut. In Marokko preisen Souvenirverkäufer die Trikots von Fußballstars wie Messi oder Ronaldo augenzwinkernd als »original fake« an. Das an den Hang geschmiegte Museumsdorf kommt mir manchmal wie die europäische Antwort auf solche kleinen Betrügereien an Europäern vor: ein Selbstbetrug, mit dem wir uns über die Unwiederbringlichkeit der Vergangenheit hinwegtrösten. Es wäre schön, Sie in der alten Seilerei zu treffen, ganz oben im Freilichtmuseum, wo man bekanntlich unter hohen Tannen den Mäckingerbach rauschen hört. Aber falls Sie keine Zeit haben oder nicht zufällig in der Nähe sind, staunen können Sie auch hier – Bühne frei!

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