Neue Lackmodelle

30.05.16

Jetzt können wir es ja zugeben. Die Serie in Schwarz-Rot hätte eigentlich schon Ende letzten Jahres fertig sein sollen, als zusammen mit unserer Website das Dossier über Urushi entstand. Denn nichts gegen das divenhafte Rot, mit dem No. 505 ganze Räume füllen kann; oder das cremeweiße Understatement von No. 402, das Sie anlächelt wie ein Tanzschuh von Fred Astaire. Doch um zu zeigen, worum es bei unseren Objekten aus Japanlack geht, eignet sich nichts besser als ein grundtiefes Schwarz, aus dem ein feiner Streifen Hochrot herauslugt. Warum? Wie im Dossier bereits ausgeführt, wird eine Lackarbeit in der japanischen Tradition von der Oberfläche her gedacht, nicht vom Objekt. Der Gegenstand dient in erster Linie dazu, die Eigenschaften des Urushi zur Geltung zu bringen: seinen Glanz, seine Tiefe. Auch wenn sich die Sprache dem nur widerwillig fügt, zumindest die deutsche, müsste man daher statt von lackierten Körpern eigentlich eher von verkörpertem Lack sprechen. Man kann diesen Gedanken aber noch einen Schritt weiter verfolgen. So wie der Körper der Wirkung des Lacks dient, so kann wiederum der Lack der Wirkung von Farben dienen. Nun existieren Farben aber nie für sich, es gibt sie immer nur als »Eigenschaft« eines Gegenstands. Wir sagen nicht: da ist Blau. Sondern: da ist ein ein blaues Fahrrad.

Umso wundersamer und anziehender werden darum wohl Anblicke empfunden, bei denen der Farbeindruck so stark ist, dass das farbtragende Objekt ganz in ihm aufgeht. Wie beim Himmel an einem wolkenlosen Sommertag. Oder einem Bild von Mark Rothko.* Nun ist ein Lackobjekt von Leo&Leo vielleicht nicht ganz so erhaben wie der Himmel (dafür kann man es kaufen); und anders als ein Gemälde Rothkos wird es vermutlich auch keine religiösen Gefühle auslösen (dafür kostet es weniger als 86,9 Millionen Dollar). Aber im Kleinen geht es uns doch um genau das, was die großen Beispiele verdeutlichen: die Dominanz einer Eigenschaft, der Farbe, über den Gegenstand, zu dem sie gehört. Klicken Sie auf das nebenstehende Foto, dann werden Sie sehen, was ich meine. Das Objekt, Dose No. 509, ist kaum mehr als eine geometrische Form, eine gedrungene Kugel, die vor allem dem Zweck dient, die Farbe Rot möglichst stark zur Geltung zu bringen. Eben darum aber kommen hier nicht einfach Farbe und Form zusammen. Nicht die Dose ist rot, sondern – bei geschlossenen oder halbgeschlossenem Deckel – nur der schmale Rand, an dem sich Innen und Außen berühren. So wird die Farbwirkung auf die Spitze getrieben: Durch einen Lack von überragender Qualität; in Verbindung mit einer einfachen Körperform; aufgetragen auf einen – mehr oder weniger – zweckfreien Gegenstand; sichtbar an einem Ort, der selbst nichts »ist« außer der Grenze zwischen zwei Räumen.

Natürlich kann sich eine Farbe auch weniger subtil zeigen. Das Innere von Dose No. 511 zum Beispiel ist durchaus besitzergreifend. Doch anders anders als beim Schwestermodell No. 505 überwältigt es nicht mit königlichem Selbstbewusstsein, eher verführt es wie ein Abendkleid. Als wäre es ein Theatervorhang, verbirgt das Schwarz des geschlossenen Deckels das Rot des Innenraums, während die Außenflächen im geöffneten Zustand wie konstrastierende Kulissen wirken, von denen die Farbe sich strahlend abhebt. Doch die Kombination von Schwarz und Rot ist nicht nur ideal, weil sie die Farbe aller Farben durch die Negation von Farbe markiert; sie ist auch klassisch wie das Trikot des AC Milan; ewig wie die Große Koalition; archaisch wie eine blutende Wunde im Dunkel der Nacht. Aus all diesen Gründen hat sie in der fernöstlichen Lacktradition eine lange Geschichte: Seit fast drei Jahrtausenden etwa werden chinesische Schnitzlacke hergestellt, indem in einen dicken Mantel aus abwechselnd roten und schwarzen Lackschichten feine Muster graviert werden.

Für sich genommen, sagen wir, in einer mond- und sternlosen Nacht im Gebirge, steht das Schwarz für die Unsichtbarkeit der Welt. Im Licht dagegen stellte es sich in den Dienst des Sichtbaren. Indem es einen Anblick durch den Kontrast verstärkt. Oder indem es, maximal geglättet und mit einem transparenten Film überzogen, allem anderen erlaubt, in ihm sichtbar zu werden. Je nach Blickwinkel zeigt ein so beschaffenes reines Schwarz dann entweder sich selbst – oder ein Spiegelbild. Das Foto, auf dem Schatulle No. 107 mit offenem, angelehnten Deckel zu sehen ist, bringt die ganze schwarze Vielfalt zum Ausdruck. Große Flächen reinen Schwarz bringen im Kontrast den roten Rand zur Geltung; und die Deckelfläche präzisiert die Einschränkung, die ich eingangs gemacht habe: Wir verkaufen ihn zwar nicht selbst, aber dafür herrliche Bilder vom blauen Himmel. Oder von maigrünen Linden. Oder von allem anderen.

Nachdem nun so viel von der neuen Serie in Schwarz-Rot die Rede war, möchte ich aber nicht verschweigen, dass auch die Serie in Rot-Schwarz endlich wieder vollständig lieferbar ist. Die flache Dose No. 505, die für einige Monate bei jeder Gelegenheit als unser Aushängeschild für Urushi dienen musste, kann jetzt ein wenig in den Hintergrund treten (auch wenn das ihrem Naturell nicht entspricht). Aber es wird Zeit, dass Sie auch No. 510 kennenlernen, die kleine Schwester in rund: nicht minder schön, aber etwas weniger geltungsbedürftig, weil sie zum Wirken nicht mehr Platz als zum Stehen braucht; und No. 410, bei der sich die optischen Vorzüge der runden mit den praktischen Vorzügen der quadrische Form verbinden.

 

* vgl. James Elkins, Pictures and Tears. A History of People Who Have Cried in Front of Paintings, New York 2001, S. 13 ff.

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